Aktuelles

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rheinische Post: Serie Traditionsberufe

"Der letzte Pfiff kommt mit der Hand"

Werner Breidenbach (rechts) versteht sich wie Günter Martin auf das Rasiermesserschleifen.
FOTO: Stephan Köhlen


Solingen. Es gibt nur noch eine Handvoll Rasiermesserschleifer in
Solingen, obwohl die Nachfrage nach den Messern wieder größer
wird. Der heute 83-jährige Werner Breidenbach kam mit Solinger
Traditionsberufen früh in Kontakt. Von Fred Lothar Melchior


Ein Ring am Daumen? Einige Rasiermesserschleifer trugen die breite Messing-Hülse -
auf Hochglanz poliert - auch am Sonntag, erinnert sich Werner Breidenbach. "So sah
jeder, dass sie Rasiermesserschleifer waren" - und damit zur "Crème de la Crème" der
Schneidwaren-Spezialisten gehörten. "Einige von uns haben drei- bis viermal so viel
verdient wie ein Lehrer", erläutert Breidenbach, der seine Lehre 1948 begann und erst
mit 70 Jahren in den Ruhestand ging.
Mit Hilfe des Messing-Rings, der am Feiertag wie ein Orden angelegt wurde, prüften
die Rasiermesserschleifer in der Woche die Biegbarkeit der dünnen, hohl
geschliffenen Rasierklinge. 700 bis 800 der Experten, meistens Heimarbeiter, gab es
zu Hochzeiten der Branche in Solingen. Heute kann man sie an einer Hand abzählen -
obwohl die Nachfrage nach Rasiermessern nicht nur bei Sammlern in aller Welt
beeindruckend ist.
Wer rund 200 Euro für ein handgefertigtes Rasiermesser aus Solingen ausgibt, weiß,
wie viel Arbeit und vor allem Erfahrung in ihm steckt. "Es ist jedes Mal wieder ein
Kampf mit dem Messer", sagt Werner Breidenbach. "Früher habe ich etwa 100 am Tag
geschliffen und am Ende dann eines gepliestet, um zu sehen, ob alles stimmt."
Fertig wurden in der 60-Stunden-Woche maximal 180 Messer - ohne Reiden und
Abziehen sowie das Montieren der Schalen. Breidenbach: "Reider und Abzieher waren
ein Extraberuf." Seinen hat der heute 83-Jährige früh kennengelernt. Aufgewachsen
auf der "Teufelsinsel" in der Siedlung am Heidberg, kam er täglich mit Solinger
Traditionsberufen in Kontakt: Im Souterrain der SBV-Häuser gab es viele Kotten.
Auch in der eigenen Familie traf er auf Heimarbeiter und Rasiermesserschleifer.
Dreieinhalb Jahre dauerte die Ausbildung bei der Firma Drees, die Breidenbach mit
der Gesellenprüfung abschloss. Als Fachmann fühlte er sich da noch lange nicht,
obwohl er alle Schritte gelernt hatte - auch das Aufziehen von Walrossleder auf
Schleifscheiben ("fürs Blaupliesten") und das Auftragen von Schmirgel mit Rüböl.
"Bis ich aber perfekt Rasiermesser schleifen konnte, war ich 23 oder 24 Jahre alt",
blickt er zurück. Andere Lehrlinge kamen gar nicht so weit: Ihnen blieben die
einfacheren Arbeiten, etwa am Rücken des Messers. Selbst ausgebildet hat Werner
Breidenbach nie. Die großen Unternehmen hätten kein Interesse gehabt, ihn dabei
finanziell zu unterstützen, sagt er. "Erst als ich auf den Ruhestand zuging, haben sie
sich wieder bei mir gemeldet." Da hatte der Rasiermesserschleifer aber keine Lust
mehr. Stattdessen hinterließ er eine andere Art von Vermächtnis: Nach der
Jahrtausendwende, als die Firma Drees ihre Arbeit einstellte, drehte das Amt für
Rheinische Landeskunde mit Breidenbachs Hilfe eine Filmdokumentation über das
Solinger Rasiermesser ("Mit scharfer Klinge").
Beratend stand Breidenbach, der heute seinen Ruhestand genießt, danach noch Günter
und Thomas Kronenberg zur Seite. Die Unternehmer, die eigentlich auf industrielle
Elektrik spezialisiert sind, hatten vor rund einem Dutzend Jahren die Rasiermesser-
Marke Revisor wieder aufleben lassen.
Werner Breidenbach gefällt, wie an der Mangenberger Straße nach alter Art gearbeitet
wird: "Ingenieure glauben, Maschinen könnten alles. Ich weiß als Handwerker, dass es
da Grenzen gibt. Da können die Theoretiker erzählen, was sie wollen: Der letzte Pfiff
kommt mit der Hand. Ich kann sehen, ob ein Messer von einer Maschine oder von
Hand poliert wurde."
Werner Breidenbach rasiert sich natürlich nass - "weil es am schnellsten geht und am
unkompliziertesten ist". Er nutzt ein für J. A. Henckels produziertes rostfreies Messer.
"Damit rasiere ich mich schon seit 35 Jahren. Es musste nicht einmal nachgeschliffen
werden. Ich ziehe es nur einmal in der Woche etwa 30-mal über den Streichriemen."
Quelle: Rheinische Post - Zum Originalartikel...

 

Zurück zur Übersicht